In den letzten Monaten wurde in der Branche viel darüber gesprochen, dass Vodafone in Deutschland öffentliches Peering an klassischen Internetknoten zurückfahren bzw. beenden will. Seit kurzem sehen wir, dass sich so eine Ankündigung ganz konkret in der Praxis bemerkbar macht.
Seit Freitag vor einer Woche etwa 13:30 Uhr MEZ läuft der Datenverkehr aus unserem Netz zu Zielen im Vodafone-Netz nicht mehr wie bisher über öffentliche Knoten wie DE-CIX oder Megaport, sondern über Transit – bei uns aktuell über Cogent. Das ist zunächst kein Weltuntergang, aber es verändert den Weg der Pakete und damit oft auch die Qualität.
Was wir seit dem Umschaltzeitpunkt beobachten, passt leider zu einem typischen Muster: Die Laufzeiten schwanken stärker, es gibt Peaks, und je nach Uhrzeit kann das wie eine Art “zähes Netzgefühl” wirken. In vielen Fällen steckt dann keine Störung im eigenen Anschluss und auch kein Defekt in unserem Backbone dahinter, sondern schlicht Congestion oder ungünstige Auslastung auf einem Teilstück dieses neuen Pfads.
Genau deshalb ist es uns wichtig, das transparent einzuordnen: Wenn einzelne Kundinnen und Kunden gerade langsame Tunnel, kurze Aussetzer oder Paketverlust melden, ist es plausibel, dass die Ursache nicht “bei uns” liegt – sondern auf dem Weg zum Zielnetz entsteht.
Private Peering bedeutet vereinfacht: Zwei Netze verbinden sich direkt miteinander, damit Daten ohne Umwege ausgetauscht werden können. Dabei trägt jeder der Netzbetreiber jeweils seine eigenen dadurch entstehenden Kosten, es werden aber keine Grundgebühr oder Kosten für die übertragene Bandbreite berechnet.
Solches Private Peering ist nicht immer sinnvoll, denn zwischen manchen Netzen fließt kaum Traffic, so dass die beim Peering entstehenden Kosten für Glasfasern und Router schnell den Nutzen übersteigen können.
Dafür bietet sich öffentliches Peering an Internetknoten (IXPs) an: Dort treffen sich viele Netzbetreiber an einem neutralen Ort, hängen ihre Router an die gleiche Switching-Infrastruktur und tauschen Datenverkehr untereinander darüber aus. Dadurch sind die jeweiligen Netzbetreiber – ähnlich wie beim Private Peering – miteinander verbunden und können Datenverkehr austauschen.
Vonseiten der Betreiber der Internetknoten wird dabei eine Grundgebühr genommen, welche sich nach der Geschwindigkeit des gebuchten Switchports richtet. Kosten für die tatsächlich übertragene Bandbreite fallen jedoch auch hier nicht an.
Tauschen zwei Netzbetreiber an einem Internetknoten sehr viele Daten mit hoher Bandbreite aus, kann es sich dann für beide lohnen zusätzlich ein Private Peering untereinander einzurichten – so gibt es dann zwischen beiden Netzen eine garantierte Bandbreite und meist geographisch günstiger liegende Punkte der Zusammenschaltung. Dadurch nehmen die Daten kürzere Wege und die Latenzzeiten sinken.
Transit ist dagegen das Modell "Internet als Komplett-Dienstleistung": Man kauft bei einem Transit-Provider Zugang zu dessen (globalen) Netzwerk ein, also die Zusage, darüber den Rest des Internets erreichen zu können. Die Kunden der jeweiligen Transit-Provider können sich durch dieses Netzwerk, selbst interkontinental, normalerweise gut erreichen und Daten übertragen.
Allerdings fallen hierbei neben den üblichen Grundgebühren auch zusätzliche Kosten für die übertragenen Bandbreiten an. Das ist völlig normal und ein Grundpfeiler des Internets — ohne Transit würde das Internet nicht funktionieren.
Aber Transit ist immer auch eine Abhängigkeit: Der Weg zum Ziel hängt stärker davon ab, wie der Transit-Provider routet, welche Übergänge genutzt werden und wie dort Kapazitäten dimensioniert sind.
Wenn sich viele Verkehre auf wenigen Übergängen bündeln oder einzelne Zusammenschaltungs-Punkte nicht mehr so "direkt" sind wie früher, sieht man das häufig als Jitter (stark schwankende Latenz) und gelegentlich als Paketverlust. Und genau solche Effekte sind es, die Online-Gaming, VPN, VoIP und andere Echtzeit-Anwendungen besonders empfindlich treffen.
Weil öffentliche Internetknoten historisch ein Stück "Gleichberechtigung" im Netz ermöglicht haben. Ein kleiner oder mittelgroßer Provider konnte sich an einem IXP anbinden und dadurch mit vielen anderen Netzen auf Augenhöhe direkt Daten austauschen, ohne für jede einzelne Zusammenschaltung separate, teure Privatverbindungen zu verhandeln.
Öffentliche Peering-Plattformen sind damit ein echter Wettbewerbsmotor: Sie senken Markteintrittsbarrieren, erhöhen die Vielfalt der Netze und machen die Infrastruktur resilienter, weil es viele alternative Pfade gibt. Je mehr Zusammenschaltung in geschlossene, private Strukturen verlagert wird, desto weniger profitieren davon genau die, die nicht in riesigen Volumina auftreten.
Das ist dann keine romantische Netzpolitik, sondern eine handfeste Marktmechanik: Weniger neutrale Optionen bedeuten mehr Abhängigkeit von wenigen großen Gatekeepern und mehr Kosten bzw. schlechtere Verhandlungspositionen für kleinere Anbieter.
Ganz ohne Unterstellungen: Solche Entscheidungen können aus Konzernsicht wirtschaftlich attraktiv sein. Weniger öffentliche Knoten bedeuten weniger Komplexität, mehr Kontrolle über Übergänge und Bandbreiten sowie oft die Möglichkeit, Zusammenschaltung stärker in kommerzielle Modelle zu lenken.
Es geht dabei nicht zwingend um böse Absicht, aber die Nebenwirkungen treffen eben nicht alle gleich: Große Player können sich private Übergänge leichter leisten oder sie sogar diktieren; Kleinere Anbieter müssen häufiger über Transit ausweichen – und Transit ist dann nur so gut, wie die jeweils genutzten Pfade.
Wichtig ist uns dabei die Tonalität: Wir wollen Kundinnen und Kunden nicht gegen irgendwelche Internetprovider aufbringen.\nViele Menschen und Firmen sind auf Telekom und Vodafone angewiesen: Als Mobilfunkanbieter, als Internetanschluss, als Geschäftspartner.\nUns geht es um Aufklärung und realistische Erwartungssteuerung: Wenn externe Netzentscheidungen den Pfad verändern, kann sich das in der Qualität bemerkbar machen, ohne dass der Hosting-Anbieter "schuld" ist.
Gerade bei Themen wie VPN-Tunneln oder Echtzeit-Kommunikation ist der Pfad entscheidend – und der kann sich nun einmal ändern, wenn große Netze ihre Zusammenschaltungs-Konzepte umstellen.
Wir messen, dokumentieren und optimieren dort, wo wir Einfluss haben. Routing-Policies, alternative Pfade, Redundanz und Kapazitäten. Aber wir können nicht erzwingen, dass ein Zielnetz öffentlich peert, wenn es das nicht mehr möchte.
Darum ist Transparenz so wichtig: Wenn es an einzelnen Zielen hakt, schauen wir gemeinsam auf Messwerte und Traces und können dann sauber trennen, ob ein Problem im lokalen Umfeld (WLAN/Last Mile), bei uns oder auf dem Weg zum Zielnetz entsteht und es nötigenfalls beheben.
Wenn aktuell also jemand langsame Verbindungen zu Vodafone-Zielen meldet:Bitte melden, wir schauen drauf. Und wenn unsere Messdaten zeigen, dass der Engpass auf einem Transit-/Interconnect-Pfad liegt, dann sagen wir das auch – sachlich, nachvollziehbar und ohne Drama.
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